Angewandte reformpädagogische Konzepte im Social Web?

Schule ist der Spiegel jeder Gesellschaft und drückt wesentliche Strömungen und die Entwicklung eben dieser aus. Unter diesem Gesichtspunkt betrachteten die ReformpädagogInnen des letzten Jahrhunderts das damalige Schulsystem. Aus ihrer Sicht musste sich analog zur Veränderung von einer autoritären, monarchistischen Staatsform zu einer demokratischen, republikanischen Staatsform auch das Schulsystem und seine pädagogischen Konzepte zu einer demokratischen und an den Bedürfnissen des Kindes orientierten Form entwickeln. So formulierte zum Beispiel Freinet C. in seinen allgemeinen Grundprinzipien der Anpassung an die neuen schulischen, aber auch gesellschaftlichen Gegebenheiten:

„Die Schule von morgen wird das Kind als Glied der Gemeinschaft in den Mittelpunkt ihres erziehlichen Bemühens stellen. Von seinen wesentlichen Bedürfnissen, hingeordnet auf die Belange der Gesellschaft, der es angehört, sind die von ihm zu erwerbenden manuellen und geistigen Fertigkeiten, das Bildungsgut, die Art der Vermittlung des Bildungsgutes und die Art und Weise seiner Erziehung abzuleiten. Es handelt sich bei diesem Vorgehen darum, die Schule wahrhaft wieder in eine vernünftige, wirksame und menschliche Form zu bringen, die es dem Kind erlaubt, zu einer möglichst vollkommenen Entfaltung seiner Menschlichkeit zu kommen.“ (1)

Die Zentrierung auf das Kind und der Anspruch, die Bedürfnisse der Kinder ernst zu nehmen, und damit auch eine Grundlage für eine demokratische Schule zu schaffen, liegt der Reformpädagogik zu Grunde.

„Als gemeinsame Intention der Fülle der Reformideen galt, die Schule und den Unterricht nach den Bedürfnissen und Ansprüchen des Kindes umzugestalten.“ (O’Callaghan 1997, S. 143) (2)

Betrachtet man diesen Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Entwicklung und Reform des Schulsystems, muss für heute erkannt werden, dass sich die Ideen der Reformpädagogik weitestgehend, im Gegensatz zu den gesellschaftlichen Veränderungen und der Demokratisierung, nicht durchgesetzt haben. Zusätzlich hat es in den letzten Jahren eine Veränderung unserer Gesellschaft von einer analogen zu einer digitalen gegeben. Bemerkenswert ist, dass das Regelschulwesen und die gängigen Unterrichtspraktiken dieser Tatsache ebenfalls keine Berücksichtigung schenken bzw. diese weitgehend ausklammern.

Es ist zu beobachten, dass die Erkenntnisse der Reformpädagogik – sowohl im analogen als auch digitalen Zusammenhang – kaum Einzug in die Unterrichtspraxis gefunden haben. So beschreibt Wolfgang Neuhaus (2009) (3) in Bezug auf E-Learning Angebote:

„Bedauerlicherweise fristen konstruktivistische und reformpädagogische Ansätze – als reale Praxis – an Schulen und Hochschulen bisher auch nur ein Insel-Dasein.“ (Wolfgang Neuhaus 2009)

Geht man von einer „digitalen Revolution“ aus, die unsere Gesellschaft nachhaltig verändert, und betrachtet man die gesellschaftlichen Umbrüche des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts und die damit verbundene Entwicklung neuer pädagogischer Konzepte, so stellt sich die Frage, ob es unter diesen Voraussetzungen nicht schlüssig ist, moderne Technologien auf Basis der Grundgedanken der Reformpädagogik zu nutzen, um so zeitgemäßen Unterricht an der Bedarfslage der jungen Menschen zu gestalten. Auch Reinmann, Sporer und Vohle (2007) sehen in den Möglichkeiten gängiger kollaborativer Anwendungen des Internets die Grundgedanken der Reformpädagogik wiederkehren.

„’Wikipedianer’ beweisen, dass sich Menschen jedes Alters auch ohne unmittelbare Belohnungssysteme an der Koproduktion von Bildungsinhalten beteiligen. Diese technikinduzierte Entwicklung erinnert stark an konstruktivistisches Gedankengut mit all seinen Wurzeln in der deutschen Reformpädagogik und im amerikanischen Pragmatismus. Dass Lernen etwas mit individuellen Konstruktionen, sozialen Interaktionen sowie Erfahrungs- und Kontextbezug zu tun hat, ist also eine neue und zugleich alte Erkenntnis.“(4)

Betrachtet man das Nutzungsverhalten von jungen Menschen so stellt man fest, dass Social Web Angebote einen fixen Bestandteil der Lebensrealität junger Menschen darstellen. So nutzen laut der Studie „Jugend im Netz 2008“ des Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest (5) 71% der 12 bis 13 Jährigen Angebote des Social Web (6). 48 % geben sogar an, diese täglich zu nutzen. Bemerkenswert ist auch, dass in der Altersgruppe der 14 bis 17 Jährigen die Nutzung stark auf 90% ansteigt und somit aus dem Alltag junger Menschen nicht mehr wegzudenken ist.

Die Herausforderung besteht also darin, die gesellschaftliche Realität und das Nutzungsverhalten von jungen Menschen mit Hilfe von reformpädagogischen Konzepten zu sinnvollen digitalen Lerneinheiten zusammenzuführen, um so zeitgemäßen an jungen Menschen orientierten Unterricht zu entwickeln. Denn so naheliegend die Erkenntnisse vor über 100 Jahren, gerade auch in Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Veränderung, waren, so muss man heute erkennen, dass sich zwar die Gesellschaft verändert hat und dies ständig tut, die damaligen pädagogischen Konzepte aber kaum Einfluss auf das Regelschulwesen hatten und auch heute noch nicht haben. Und gerade unter den geänderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und der ständigen Erneuerung der Möglichkeiten, muss die Herausforderung, die Specht schon 1957 gesehen hat, Grundlage für einen modernen Unterricht sein.

„Wir leben nicht mehr in einer statischen, sondern einer dynamischen Welt, die in der Politik, der Wissenschaft, der Kultur die Jugend, die wir heute erziehen, in 20 Jahren völlig neue Aufgaben stellt.“ (Specht 1957, S. 9f.) (7)

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(1) Freinet Célestin (1965): Die moderne französische Schule. L’école moderne francaise. (Übersetzt und besorgt von Paderborn, Hans Jörg), abgedruckt in: Hansen-Schaberg, Inge & Schonig, Bruno (Hrsg.) (2002): Basiswissen Pädagogik. Reformpädagogische Schulkonzepte – Band 5 – Freinet Pädagogik (1. Aufl.). Hohengehren: Schneider Verlag

(2) O’Callaghan, Patricia (1997): Reformpädagogische Praxis 1900-1914. Beispiele aus der deutschen Grundschule (1. Aufl). Weinheim

(3) Wolfgang Neuhaus (2009): In: „Die E-Learning-Industrie hinkt den Potenzialen innovativer Pädagogik deutlich hinterher“ am „Freitag, 22. Mai 2009“ auf http://www.mediendidaktik.org/tag/reformpadagogik/:

(4) Reinmann, G., Sporer, T. & Vohle, F. (2007): Bologna und Web 2.0: Wie zusammenbringen, was nicht zusammenpasst? In: R. Keil, M. Kerres & R. Schulmeister (Hrsg.). eUniversity – Update Bologna. Education Quality Forum. Bd. 3. S. 263-278. Münster: Waxmann.

(5) Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (2008): JIM 2008 Jugend, Information, (Multi-)Media Basisstudie zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland. www.mpfs.de/index.php?id=11

(6) Social Web wird hier als Teilbereich des Web 2.0 gesehen. Der Begriff Web 2.0 umfasst aus meiner Sicht zu viele technische und ökonomische Bereiche, die für die Erörterung nicht von Bedeutung sind. Aus diesem Grund lege ich die Definition aus „Ebersbach, Anja, Glaser, Markus & Richard Heigl (2008): Social Web (1. Aufl). Stuttgard: UTB Verlag“ für die weiteren Abhandlungen zu Grunde.

(7) Specht, Minna (1957): Geist und Tat in der Schule. In: Geist und Tat. 12. Jg., H. 1. S. 8-10

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4 Antworten zu „Angewandte reformpädagogische Konzepte im Social Web?“

  1. eva n. sagt:

    lieber vucko!
    ja, es ist der zeit, dass sich jemand mit diesem thema befasst, finde ich gut, dass du dies machst.
    zu den alten ideen und den neuen medien kann ich aus der praxis sagen: ich habe unseren klassenweblog deshalb eingerichtet und begonnen (fbklasse.wordpress.com), weil ich das internet und das bloggen für sie heutige form der vielgepriesenen “korrespondenz” in der freinetpädagogik halte. hier machen die texte der kinder wirklich den weg durch, dass sie geschrieben, gelesen und auch kommentiert werden- sie bleiben somit nicht nur in den schulheften stehen, sonder erfahren leserinnenschaft.
    und es funktioniert: die texte werden aufmerksam gelesen, manches mal gibts kommentare (und die schreiberinnen überlegen genau, wie sie da schreiben sollen).

    viel erfolg mit deiner forschung!

    lg
    eva n.

  2. vuckowien sagt:

    liebe eva,

    danke für die wünsche, und ich freu mich auf deine kommentare. vorallem wenn es um die praxis geht ;-) und bez. des blogs geb ich dir recht, das ist die „korrespondenz“. seh ich auch so.

    lg
    vucko

  3. Dagmar sagt:

    hallo!
    eva hat mir den link zu diesem blog geschickt. ich find ihn sehr spannend und werd öfter mal vorbeischauen.
    ich kann evas erfahrungen mit dem klassenblog nur bestätigen. in unserer klasse funktioniert das auch sehr gut: faklasse.wordpress.com unsere erfahrungen nach einem jahr fa-blog sind auch in einem artikel in den medienimpulsen festgehalten: http://www.medienimpulse.at/articles/view/100
    liebe grüße und gutes gelingen!
    dagmar

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